Interview mit Christoph Kaetzke in voller Länge

Hans Christoph Kaetzke (Aufnahmedatum unbekannt)

Können sie uns ihren Vater beschreiben, also z.B. seine Charaktereigenschaften ?

Christoph Kaetzke: Er war eigentlich ein Preuße. Er ist in Berlin auf ein Internat gegangen, weil mein Großvater im Ausland tätig war. Das führte dann dazu, dass er sehr aufmüpfig war. Irgendwann hat er sich dann aber gewandelt. Dadurch, dass er nach Holland gekommen ist, hat sich einiges verändert… und durch den Krieg. Mein Großvater und mein Vater waren beide sehr konservativ.

Ein Beispiel: Nach der Schule kam mein Vater nach Hause und drehte ein Bild um, auf dem der Kaiser abgebildet war. Er meinte: „So, der Kaiser hat jetzt abgedankt.“ Außerdem war der Kaiser ja in der Öffentlichkeit nicht sehr beliebt oder gut angeschrieben. Er wusste allerdings nicht, dass er später selbst dem Kaiser begegnen würde. Da sagte dann mein Großvater: „Der ist von Gottes Gnade eingesetzt.“ Das war ein Erlebnis, das meinen Vater geprägt hat und sein Leben lang begleitet hat.

Wie kam ihr Vater denn nach Holland?

Seine erste Pfarrstelle war bei Leipzig. Irgendwann war in Harlem dann eine Predigt zu machen und da war jemand, der sich für das Predigen beworben hatte. Und drei Wochen später hat mein Vater dann ein Brief bekommen, in dem stand, dass er in Harlem angenommen worden war. – Obwohl er sich gar nicht beworben hatte. Und so ist der nach Harlem gekommen. Das war 1931, nach der Weltwirtschaftskriese. Zu dem Zeitpunkt ging es Deutschland sehr schlecht. Holland im Gegensatz war sehr reich. Die hatten zum Beispiel noch all ihre Kolonie. In Harlem gab es dann sehr viele Au-pair-Mädchen, ca. 6000. Und diese mussten alle betreut werden. Mein Vater war dort ein Hilfsprediger und ist dann mindestens vier Jahre dort geblieben. 1936 ist dann der Pfarrer in Den Haag weggegangen und er hat sich dann für diese leere Stelle beworben. Der Grund dafür war, dass er nicht nach Deutschland zurück wollte, wegen Hitler.
Die schönsten Jahre für ihn waren von 1931 bis 1933, also bis zur Machtergreifung, denn dann war er zwar noch in Holland, musste aber auch für Nazi-Deutschland „da sein“. Das ging ganz gut, denn er war ja relativ weit weg vom Geschehen und so musste er auch nicht zu viel für die Nazis machen. Er hat aber trotzdem eine Art „Zwitter-Position“ eingenommen. Und das ist eigentlich das, was ihn ausmacht oder was sein Merkmal ist.

Können Sie das näher erläutern?

Ja, ein Beispiel dafür, wie er versucht hat, sich da rauszuhalten: Jede Rede musste beendet werden mit „Heil Hitler“. Einmal hat er eine Rede für das Hilfswerk gehalten, und anstatt „Heil Hitler“ zu sagen hat er zum Schluss einfach nur gesagt: „…und jetzt sammeln wir für das Hilfswerk.“ Solche Sachen hat er öfters gemacht, da war er ganz groß drin. Er hat eine gute Art gehabt, damit umzugehen.

Wie haben Sie ihren Vater erlebt?

Nun, ich wurde 1942 geboren. Mitten im Krieg und so gut kann ich mich auch nicht an alles erinnern. Wir sind außerdem 1945 von Den Haag weg. Mein Vater ist da geblieben und meine Mutter ist mit allen Kindern –  wir waren 6 an der Zahl – nach Deutschland gegangen, in ihre Heimat. 1947 ist die Familie wieder zusammen geführt worden. Da hat man dann gemerkt, dass sich ein großer Wandel vollzogen hat, auch bei meinem Vater.

Wie meinen Sie das?

Die Holländer sind ja nicht so Preußisch. Nicht so militärisch. Er war zwar auch nicht so militärisch, aber er war streng – und in Holland war das eben nicht so. Er ist dadurch viel gütiger geworden.

Mein Vater war in der Kriegszeit im Nebenamt Marinepfarrer. In Den Haag ist ja nicht so richtig Marine gewesen, aber so hatte er Zugang zu den Gefängnissen. Die holländischen Pfarrer durften ja nicht in die Gefängnisse. Dabei hat er richtig fließend Holländisch gelernt. Er hat sich Predigten geben lassen, ist dann in die Gefängnisse rein und hat die vorgetragen und die Gefangenen betreut. Das ist ihm sehr zustande gekommen, nach dem Krieg dann. Sie haben ihn trotzdem dann auf die schwarze Liste gesetzt, 1950, als er nach Berlin wollte.

Was beutete denn die „Schwarze Liste“?

Die Schwarze Liste bedeutete: Wenn er das Land verlässt, dann kommt er auch nicht wieder rein.
Und dann hat er mit Beamten, die damit zu tun hatten, gesprochen und die fragten, warum er jetzt mit den Deutschen Gefangenen etwas zu tun haben wollte. Er würde sie doch eh nach dem Krieg betreuen müssen. Da hat er gesagt: „Die haben es nötig. Und damals hatten die Holländer es nötig.“ Die Holländer haben so eine Art, das finden die toll, wenn jemand aus verständlichen Grundsätzen so etwas macht. Und dadurch hat er da eigentlich Anklang gefunden.

Sie sagten, Sie sind 1947 wieder nach Den Haag zurück gekommen. Wie war das?

Also, das weiss ich noch ganz genau, wie das war. Als wir nach Holland kamen, das war das Land wo die Milch und der Honig fließt. Morgens stellte der Milchmann die Mich vor die Tür… das war schon was ganz anderes, und auch obwohl wir keine Karten hatten. Wir wurden auch sehr begrüßt, weil mein Vater da in der Umgebung doch sehr viel Anklang gefunden hatte.

Aber nochmal zurück zum Krieg: 1940, als die Deutschen einmarschierten, ist er von den Holländern interniert gewesen, 5 Tage lang. Das heißt: Da ist geklingelt worden und dann wurde mein Vater mitgenommen und keiner wusste wo er war. Und dann kam die Kapitulation der Holländer und Holland wurde von den Deutschen besetzt. Dann hat er wieder sein Amt angenommen.

Wir haben aber über diese Zeit wenig gesprochen. Man hat echt nicht darüber geredet. Wahrscheinlich noch weniger in unserer Familie, da mein Vater ja Pfarrer war und ein Beichtgeheimnis hatte.

Wie war das mit den Juden, denen ihr Vater Zuflucht gegeben hatte?

Ich bin ja der Jüngste gewesen, ich bin 1948 in die Schule gekommen. Natürlich stellte ich auch Fragen. Aber die Judenfrage war nie Thema, das kam nie aufs Tapet. Klar, wir wussten das von der Schule, aber, dass mein Vater da mit eingebunden war, das wusste ich nicht.

Die Juden wurden dann auf den Kirchboden gebracht. Das ist ein sehr schlecht zugänglicher Ort, den erreicht man nur durch ein kleines Türchen. Und dann ist da ein riesen Raum und dort hat keiner gesucht. Da haben sie echt einigen Juden Unterschlupf gegeben. Und schließlich auch lebend „durchgebracht“.

Waren dort ganze Familien oder nur einzelne Personen untergebracht?

Da weiß ich gar nichts drüber. Das weiß ich echt nicht. Es gibt lauter Briefe. Die vorherigen Pfarrer haben sich damit stark auseinander gesetzt.

Haben sie noch ältere Geschwister, die sich vielleicht noch daran erinnern?

Ich habe noch eine ältere Schwester. Die ist 8 Jahre älter als ich und erinnert sich natürlich mehr daran. Aber von diesen Sachen wird sie auch nichts wissen. Es wurde, wie gesagt nicht darüber geredet.

Sie sagen ja gerade, dass nicht viel über das Geschehen mit den Juden gesprochen wurde. Aber können sie sich vielleicht denken, wie ihr Vater überhaupt darauf kam, Verfolgte bei sich aufzunehmen?

Also, man hat nur geholfen, wenn man gefragt wurde. Und mein Vater wurde dafür dann immer gefeiert. Aber er mochte das überhaupt nicht. Und er sagte immer: „Ich habe das getan, was getan werden musste. Und ich bin kein Held.“ Er ist kein Held. Er war auf jeden Fall aber froh, dass er da was hatte machen können.

Eine Beispielgeschichte noch für die Stimmung damals: Die Holländer hatte er ja ins Herz geschlossen und dann kamen die „Judensachen“, also zum Beispiel das mit dem Judenstern. Jeder Jude musste einen Judenstern tragen. Und da meinte er, er habe die Holländer so eingeschätzt, dass sie alle einen Judenstern tragen würden. Und dann war er ziemlich verwundert, als sie es nicht taten.

Gibt es Juden, die von ihm versteckt wurden und die sich im Nachhinein noch bei ihrer Familie gemeldet haben?

Ich weiß es nicht.

Wenn sie zum jetzigen Zeitpunkt von irgendjemandem erfahren würden, dass es Bedürftige gibt, die aufgenommen werden müssten, wie würden sie reagieren? Würden sie sie aufnehmen oder eher nicht?

Die Frage wird mir nicht gestellt. Aber wenn es notwendig wäre, dann würde ich das schon machen. Aber heute bei den Flüchtlingen zum Beispiel ist das auch eine ganz andere Art wie damals bei den Juden. Hier wird ja politisch unterstützt, dass sie zum Beispiel einen neuen Wohnort bekommen. Bei den verfolgten Juden war das damals etwas ganz anderes.

War ihr Vater für Sie in ihrem Leben ein Vorbild?

Also für mich war mein Vater nicht so wie diejenigen, den man heute kennt, kuschelig oder so. Vielleicht lag das auch daran, dass ich das jüngste Kind war.

Er war eher herrisch. Das heißt, die Herrschaft hat er auch teilweise abgegeben an meinen ältesten Bruder. Der hat dann ab und zu die Strafen verteilt. Man hat ihn aber auf jeden Fall verehrt. Man hat sozusagen zu ihm hochgeschaut. Auch heute noch hätte man ihn nicht erreichen können.

Man kann aber vielleicht noch erwähnen, dass nach dem Krieg die Abneigung gegen Deutsche sehr hoch war. Ich ging damals zur „Lagers School Walters“. Und mein Vater hat dann erst mal da mit den Lehrern gesprochen und es war kein Problem als Deutscher da aufgenommen zu werden. Ab und zu gab es dann ein paar Streite. Und dann sagten die „Rottkopf“ zu Dir und du sagtest dann „Kaaskopp“. Und das fanden sie dann deutlich schlimmer und dann war alles wieder gut.

Habes sie schon öfters mit Interessierten über ihren Vater gesprochen?

Nein.

Das Interview wurde geführt von Chiara Bauer und Anna Spengler am 13. Januar 2017.